Wenn Bewegung, Lernen und Entwicklung leichter werden dürfen
Was sind frühkindliche Reflexe?
Frühkindliche Reflexe sind angeborene Bewegungsmuster, die bereits vor und unmittelbar nach der Geburt eine wichtige Aufgabe erfüllen. Sie werden vom unreifen Nervensystem gesteuert und unterstützen das Baby dabei, sich an seine Umwelt anzupassen und wichtige Entwicklungsschritte zu machen.
Zum Beispiel helfen sie beim Saugen, Greifen, Aufrichten, Drehen und später beim Krabbeln und Laufen.
Mit der Reifung des Nervensystems werden diese Reflexe nach und nach gehemmt und in die willkürliche Bewegungssteuerung integriert. Sie verschwinden also nicht einfach, sondern werden Bestandteil komplexerer Bewegungsabläufe.
Man kann sich die Reflexe wie kleine „Bausteine“ in der Entwicklung vorstellen: Jeder Reflex hat seine Aufgabe und bereitet den nächsten Entwicklungsschritt vor.
Wenn Reflexe länger aktiv bleiben
Manchmal bleibt ein frühkindlicher Reflex über die Zeit hinaus aktiv, in der er für die Entwicklung benötigt wird. Dann kann er bestimmte Bewegungsabläufe oder Reaktionen des Kindes weiterhin beeinflussen.
Das kann sich bei jedem Kind ganz unterschiedlich zeigen. Mögliche Anzeichen können beispielsweise sein:
- Schwierigkeiten mit Gleichgewicht und Koordination
- eine auffällige oder zusammengesunkene Körperhaltung
- Ungeschicklichkeit oder häufiges Anstoßen
- Schwierigkeiten beim Überkreuzen der Körpermitte
- Probleme mit der Feinmotorik
- Schwierigkeiten beim Schreiben, Zeichnen oder Abschreiben
- eine schwächere Auge-Hand-Koordination
- Schwierigkeiten beim Wechsel zwischen Nah- und Fernsicht
- Konzentrations- oder Aufmerksamkeitsprobleme
- Schwierigkeiten bei der räumlichen Wahrnehmung
- Unsicherheiten bei zeitlichen oder logischen Abfolgen
- starke Reaktionen auf bestimmte Reize
- emotionale Überreaktionen, Ängstlichkeit oder Unsicherheit
- Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen
- Herausforderungen bei der Mundmotorik, Sprache oder Artikulation
- Schwierigkeiten bei der Impulskontrolle
- eine erhöhte Infektanfälligkeit
Auch Zusammenhänge mit Lern- und Aufmerksamkeitsproblemen, beispielsweise bei ADS/ADHS, werden im Bereich der Reflexintegration beschrieben.
Wichtig: Diese Auffälligkeiten sind nicht vollständig und können selbstverständlich viele verschiedene Ursachen haben. Das Vorliegen einzelner Symptome bedeutet daher nicht automatisch, dass ein noch aktiver frühkindlicher Reflex die Ursache dafür ist.
Welche Reflexe werden betrachtet?
Im Rahmen der Reflexintegration werden unter anderem folgende Reflexe betrachtet:
Moro-Reflex
Ein wichtiger Schutz- und Stressreflex. Er steht unter anderem mit der Reizverarbeitung und dem Umgang mit Stress in Verbindung.
Spinal-Galant-Reflex
Er steht unter anderem mit der Körperwahrnehmung und der Entwicklung von Bewegungskoordination in Verbindung.
Asymmetrisch-Tonischer Nackenreflex (ATNR)
Er spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Auge-Hand-Koordination, Körperwahrnehmung und dem Überkreuzen der Körpermitte.
Landau-Reflex
Er ist eng mit dem Tonischen Labyrinthreflex verbunden und spielt eine Rolle bei Muskelspannung, Haltung und Gleichgewicht.
Tonischer Labyrinthreflex (TLR)
Er beeinflusst unter anderem Haltung, Muskeltonus, Gleichgewicht sowie die visuelle und räumliche Wahrnehmung.
Symmetrisch-Tonischer Nackenreflex (STNR)
Er unterstützt wichtige Entwicklungsschritte wie Kriechen und Krabbeln und steht in Verbindung mit Haltung, Koordination und der Zusammenarbeit von Augen und Körper.
Hand-, Such- und Saugreflexe
Sie stehen in enger Beziehung zur Entwicklung von Handgeschicklichkeit, Feinmotorik und Mundmotorik.
Diese Reflexe wirken nicht isoliert voneinander. Sie sind Teil eines komplexen Netzwerkes und beeinflussen sich gegenseitig.
Wie läuft die Reflexintegration in der Praxis ab?
Zu Beginn gibt ein von den Eltern ausgefüllter Fragebogen Hinweise darauf, ob bei einem Kind möglicherweise noch frühkindliche Reflexe aktiv sein können und, wenn ja, welche Reflexe vermutlich betroffen sind. Die Antworten geben einen ersten Überblick und helfen dabei, die weitere Vorgehensweise zu planen.
Die Reflexintegration umfasst insgesamt acht aufeinander aufbauende Module. Bei jedem Termin wird überprüft, ob der Reflex, der in der jeweiligen Reihenfolge ansteht, noch aktiv ist.
Ist der Reflex aktiv, findet in der Praxis einmalig eine Partnerübung, die sogenannte Integrationsübung, statt. Diese wird von der Therapeutin gemeinsam mit dem Kind durchgeführt.
Anschließend werden die Reflexintegrationsübungen für den jeweiligen Reflex gezeigt und gemeinsam eingeübt. Diese Übungen werden anschließend von den Eltern zu Hause regelmäßig mit dem Kind durchgeführt.
Das erste Modul bildet hierbei eine Ausnahme: Hier findet noch keine Integrationsübung statt. Stattdessen werden die rhythmischen Schaukelübungen gezeigt und gemeinsam eingeübt. Das Kind darf dabei zunächst ganz entspannt „Faultier“ sein.
Jedes der acht Module wird mindestens vier Wochen lang durchgeführt. Danach wird erneut überprüft, ob der entsprechende Reflex bereits integriert ist.
Ist der Reflex integriert, geht es mit dem nächsten Reflex in der vorgesehenen Reihenfolge weiter. Ist er noch aktiv, bekommt das Nervensystem entsprechend mehr Zeit und die Übungen werden weitergeführt.
So entsteht über die acht Module ein individueller Entwicklungsprozess, bei dem nicht das Tempo, sondern die Entwicklung des Kindes im Mittelpunkt steht.
Der wichtigste Teil findet zu Hause statt
Die Termine in der Praxis sind wichtig, aber auch die regelmäßige Wiederholung zu Hause spielt eine zentrale Rolle.
Die Übungen sollten 5–7 Mal pro Woche durchgeführt werden. Dafür sind in der Regel etwa 10–20 Minuten am Tag vorgesehen.
Was zunächst nach zusätzlichem Aufwand klingt, lässt sich mit der Zeit gut in den Familienalltag integrieren. Die Übungen können zu einem festen Bestandteil des Tages werden.
Dabei muss diese Zeit nicht als „Training“ erlebt werden. Sie kann auch eine schöne gemeinsame Zeit sein, in der Raum für Nähe, Aufmerksamkeit und gemeinsames Erleben entsteht.
Reflexintegration braucht Zeit
Eine Reflexintegration ist kein Prozess, der innerhalb weniger Wochen abgeschlossen ist.
Das Gehirn und Nervensystem brauchen Zeit, um neue Bewegungs- und Reaktionsmuster zu entwickeln und zu festigen. Deshalb ist es wichtig, sich auf einen längeren Entwicklungsprozess einzulassen.
Als Orientierung sollte mit etwa 9–12 Monaten gerechnet werden.
Vielleicht hilft dabei ein schönes Bild:
Reflexintegration ist ein bisschen wie eine Schwangerschaft
Auch ein Baby entwickelt sich nicht innerhalb weniger Wochen. Über viele Monate entsteht Schritt für Schritt etwas Neues. Die Entwicklung braucht Zeit, regelmäßige Versorgung, Geduld und Vertrauen.
Ähnlich ist es bei der Reflexintegration:
Viele kleine Übungseinheiten, regelmäßig wiederholt, können sich über Monate zu einer großen Entwicklung summieren.
Dabei kann es gute und manchmal auch weniger gute Phasen geben. Das ist ganz normal. Entwicklung verläuft selten geradlinig.
Entwicklung braucht Zeit
Regelmäßigkeit, Geduld und Freude am gemeinsamen Üben können den Prozess begleiten.
Denn Entwicklung darf leicht, spielerisch und mit Freude geschehen.
Eine liebevolle Begleitung auf diesem Weg kann dabei genauso wertvoll sein wie die Übungen selbst.
Warum eine HNC-Behandlung im Vorfeld sinnvoll sein kann
Bevor mit der Reflexintegration begonnen wird, kann eine HNC-Behandlung eine wertvolle Grundlage schaffen. Ziel dieser sanften Methode ist es, das vegetative Nervensystem zu unterstützen, Spannungen zu regulieren und dem Körper zu helfen, aus einem möglichen Stress- oder Kompensationsmodus herauszufinden.
Besonders sinnvoll kann eine vorbereitende HNC-Behandlung sein, wenn ein Kind in seinem bisherigen Leben belastende oder überwältigende Erfahrungen gemacht hat – beispielsweise eine schwierige oder traumatisch erlebte Geburt, heftige Stürze, Unfälle, Operationen oder andere Ereignisse, die das Kind körperlich oder emotional stark gefordert haben.
Solche Erfahrungen können dazu führen, dass das Nervensystem länger in erhöhter Anspannung bleibt oder bestimmte Bewegungs- und Schutzmuster verstärkt aufrechterhält. Eine HNC-Behandlung kann hier zunächst dabei unterstützen, mehr Regulation und Sicherheit im System zu schaffen.
Ist das Nervensystem dauerhaft angespannt, kann es für ein Kind schwieriger sein, neue Bewegungsimpulse aufzunehmen und sich auf Veränderungen einzulassen. HNC kann dabei unterstützen, innere Spannungen zu reduzieren, die Selbstregulation zu fördern und eine gute körperliche und nervliche Ausgangslage für die Reflexintegration zu schaffen.
Aus meiner therapeutischen Erfahrung kann es hilfreich sein, zunächst etwas mehr Ruhe und Regulation in das System zu bringen. Anschließend fällt es vielen Kindern leichter, sich auf die Übungen einzulassen und neue Bewegungsmuster zu entwickeln.
HNC und Reflexintegration können sich dabei gut ergänzen: HNC schafft Raum für Regulation und Entspannung, während die Reflexintegration gezielt mit Bewegung und wiederholten Impulsen arbeitet. Welche Unterstützung sinnvoll ist und ob eine HNC-Behandlung im Vorfeld hilfreich ist, wird individuell betrachtet
